Seit Jahren löst sich Hyundai von der Branchennorm des „Ausstecher“-Designs. Anstatt auf jedes Modell eine einzelne ästhetische Vorlage anzuwenden, hat der Autohersteller eine „Schachfiguren“-Strategie übernommen: Er behandelt jedes Fahrzeug als einzigartigen Spieler auf dem Spielbrett, der speziell auf sein Segment und seinen Zweck zugeschnitten ist.
Auf der New York International Auto Show 2026 führte Hyundai diese Philosophie mit der Vorstellung des Boulder-Konzepts und einer neuen Designsprache mit dem Titel „Art of Steel“ noch einen Schritt weiter.
In einem exklusiven Interview erklärt Brad Arnold, Leiter von Hyundai Design North America, wie sich das Unternehmen von auffälligen, überdesignten Oberflächen hin zu einer „ehrlicheren“ und funktionaleren Ästhetik bewegt.
Die „Kunst des Stahls“: Materialehrlichkeit umarmen
Kern der neuen „Art of Steel“-Philosophie ist der Verzicht auf unnötige Verzierungen. In einer Zeit, in der sich viele Autodesigns gezwungen oder übermäßig komplex anfühlen, setzt Hyundai auf die natürlichen Eigenschaften der Materialien, aus denen sie gebaut werden.
„Eine Stoßstange ist eine Stoßstange, eine Anhängerkupplung ist eine Anhängerkupplung. Lassen Sie uns das als einzigartige Designmerkmale annehmen“, sagt Arnold.
Dieser Ansatz, der als „stärker, nicht lauter“ beschrieben wird, konzentriert sich auf Folgendes:
– Funktionale Integrität: Anstatt Komponenten hinter Plastikabdeckungen zu verstecken, zelebriert Hyundai sie. Das Boulder-Konzept beispielsweise nutzt sichtbare Lücken und Negativräume, um die Verbindungsstellen von Teilen – wie Stoßstangen und Abschlepphaken – hervorzuheben.
– Respekt gegenüber Materialien: Designer wollen mit dem Stahl und den Oberflächen arbeiten, anstatt sie in unnatürliche, übermäßig komplexe Formen zu „quälen“, die schwer herzustellen oder zu warten sind.
– Einfachheit als Luxus: Arnold stellt fest, dass moderne Verbraucher sich zunehmend zu „Ehrlichkeit und Authentizität“ hingezogen fühlen und sich nach Designs sehnen, die klar kommunizieren, wofür das Fahrzeug eigentlich gedacht ist.
Funktion statt „Boxiness“
In der Automobilindustrie gibt es einen wachsenden Trend zu immer kantigeren SUVs. Während das Boulder-Konzept sicherlich zu dieser Silhouette passt, stellt Arnold klar, dass die Form keine stilistische Wahl ist, um „trendy“ zu sein. Stattdessen wird die Geometrie durch Nützlichkeit und Benutzererfahrung bestimmt:
- Sicht: Aufrechte Säulen und Fenster bieten dem Fahrer eine bessere Sicht auf seine Umgebung.
- Innenraumvolumen: Boxförmigere Formen maximieren den Innenraum und verhindern ein klaustrophobisches Gefühl.
- Vielseitigkeit: Lineare, ebene Flächen erleichtern den Besitzern die Montage von Zubehör wie Dachträgern, Leitern oder Campingausrüstung – unverzichtbar für die „Abenteuer“-Gruppe.
Der Wandel zum Body-on-Frame-Abenteuer
Das Boulder-Konzept stellt Hyundais tieferen Einstieg in das Body-on-Frame -Segment dar, ein Schritt, der traditionell schweren Lkw und Offroad-Spezialisten vorbehalten ist.
Während die meisten modernen Crossover eine „Unibody“-Konstruktion verwenden (bei der Fahrgestell und Karosserie aus einem Stück bestehen), bietet ein Karosserie-auf-Rahmen-Design einen inhärenten Vorteil für Outdoor-Enthusiasten: Fähigkeit. Es bietet eine robustere Grundlage für Geländefahrten und schwere Transporte.
Durch die Nutzung dieser Plattform haben die Hyundai-Designer das Gefühl, dass sie bei ihrem Design mehr Zurückhaltung üben können. Da die Proportionen des Fahrzeugs – kurze Überhänge, große Bodenfreiheit und ein robuster Stand – bereits Robustheit signalisieren, müssen die Designer keine „falschen“ Stilelemente verwenden, um das Fahrzeug leistungsfähig erscheinen zu lassen.
Die „Schachfiguren“-Strategie: Beständigkeit durch Vielfalt
Eine häufige Frage für wachsende Marken ist, wie man eine kohärente Identität aufrechterhalten kann, ohne dass jedes Auto gleich aussieht. Hyundai löst dieses Problem durch seine interne „Schachfiguren“-Analogie.
So wie verschiedene Schachfiguren (der Springer, der Turm, die Königin) völlig unterschiedliche Formen und Bewegungen haben, aber zum selben Satz gehören, erfüllen die Modelle von Hyundai – vom elektrischen Ioniq 5 bis zum robusten Boulder – unterschiedliche Rollen und teilen dabei dieselben zugrunde liegenden Markenwerte.
Für Hyundai ist dieser Kernwert ein Fokus auf das Kundenerlebnis. Wie Arnold es ausdrückt, wird die Markenidentität durch das „H“-Logo repräsentiert – ein Symbol des Unternehmens und des Kunden, der sich die Hand schüttelt.
Schlussfolgerung
Durch die Priorisierung von „Ehrlichkeit“ im Design und Funktionalität in der Form wendet sich Hyundai von oberflächlichen Trends ab und konzentriert sich auf eine „stärkere, nicht lautere“ Ästhetik, die die praktischen Bedürfnisse des modernen Abenteurers anspricht.
